Dr. Éva Morava begann 1986 ihr Studium an der damaligen Medizinischen Universität Pécs. 1994 legte sie die Facharztprüfung in Kinderheilkunde ab, 1999 folgte die Facharztprüfung in Humangenetik. Sie erinnert sich gerne an ihre Mentoren, deren Gedanken und Ratschläge sie oft wieder aufgreift, und wendet das von ihnen erworbene Wissen bis heute an. Zwischen 1996 und 1998 absolvierte sie eine Ausbildung in klinischer Biochemie und Genetik an der Tulane University in New Orleans, USA. Bis 2002 arbeitete sie an der Radboud-Universität in den Niederlanden als klinische Genetikerin und anschließend als auf Stoffwechselerkrankungen spezialisierte Kinderärztin. Von dort kehrte sie an die Tulane-Universität zurück und war danach zwei Jahre lang an der Mayo-Klinik tätig. Derzeit ist sie in New York an einer privaten medizinischen Hochschule, der Mount Sinai School of Medicine, als Professorin am Institut für Genetik und Genomik tätig. Zusammen mit ihrem Ehemann, Prof. Dr. Tamás Kozicz, der ebenfalls in Pécs studiert hat, pflegt sie seit vielen Jahren enge Beziehungen zur Medizinischen Fakultät in Pécs und hat bereits Student*innen in den USA aufgenommen und betreut.
Verfasst von Rita Schweier
- Wie war die Medizinische Universität in Pécs in den 1980er Jahren, das Lehrpersonal und die Atmosphäre dort?
- Ich bin sehr gerne zur Uni gegangen, wir haben viel gelernt, wir hatten hervorragende Dozenten und Lehrer, auch wenn wir vor den älteren Professoren schon etwas Angst hatten. Auch das Gemeinschaftsleben war toll, wir haben viel gefeiert – das sind unvergessliche Erlebnisse.
- Gab es Dozenten, die einen großen Einfluss auf Sie hatten?
- Ja, sogar mehrere: Dr. Gyula Kulcsár aus der Biochemie, Dr. Magdolna Kulcsár von der Sprachwissenschaftlichen Fakultät, die Professoren Dr. József Belágyi und Dr. Miklós Kellermayer – ersterer als mein Mentor bei der TDK, letzterer als Vorsitzender der TDK – sowie Dr. Károly Méhes, Dr. György Kosztolányi, Dr. Pál Kajtár und Dr. Gyula Soltész von der Kinderklinik.
– Inwieweit haben die hier verbrachten Jahre und Erfahrungen Ihre spätere Karriere geprägt?
– Auf den hier erworbenen Grundlagen habe ich alles aufgebaut, was ich weiß. Nach dem Studium konnte ich sofort an der Klinik für Kinderheilkunde anfangen zu arbeiten. Ich bin dankbar, dass ich mit den Menschen zusammenarbeiten durfte, die ich am meisten respektierte und von denen ich am meisten gelernt habe. Das von ihnen erworbene Wissen wende ich bis heute an.
- Halten Sie noch Kontakt zu Ihren ehemaligen Dozenten und Kommilitonen?
- Ja, auch wenn das von einem anderen Kontinent aus nicht einfach ist. Mit meinen Kommilitonen unterhalte ich mich sowohl persönlich als auch online sehr oft.
- Warum haben Sie sich gerade für die Pädiatrie bzw. die Humangenetik entschieden?
- Ich habe schnell eine enge Beziehung zu den Kindern aufgebaut, die mir vertraut haben und mir erlaubt haben, ihnen zu helfen. Auch heute noch genieße ich die Zeit, die ich mit ihnen verbringe. Die Genetik ist ein unglaublich spannendes und sich rasant entwickelndes Fachgebiet. Wenn wir die genaue Ursache einer Erkrankung verstehen, kommen wir bei vielen Kinderkrankheiten der Heilung einen Schritt näher. Mich interessieren besonders seltene Krankheiten, auch wenn es leider nur wenige von uns gibt, die sich mit Begeisterung und langfristig in diesem Fachgebiet engagieren.
– Ihre Doktorarbeit befasste sich mit der molekular zytogenetischen Untersuchung von Syndromen, die mit einer geistigen Behinderung einhergehen. Wie kam es zu diesem Thema, und warum gerade dieses?
– Mein Mentor war Professor Dr. György Kosztolányi, ein anerkannter Experte auf diesem Gebiet, mit dem ich viele interessante Fälle gemeinsam untersuchte und von dem ich sehr viel gelernt habe. Neben ihm war es Professor Dr. Károly Méhes, der meinen beruflichen Werdegang geprägt hat; eigentlich habe ich fast alles, was ich über die Kinderheilkunde weiß, von ihm gelernt. Bis heute denke ich an ihn, wenn ich schwierige Fälle habe; ich erinnere mich an das, was er gesagt hat, und befolge die Ratschläge, die er mir damals gegeben hat. Beide waren klug, gutmütig und engagiert; sie dienten mir als Vorbilder. Meine Ausbildung im Bereich der Genetik absolvierte ich in den USA, wo ich zwischen 1996 und 1998 von Professor Dr. Emanuel Schapira, dem weltberühmten Stoffwechselgenetiker, betreut wurde, der ebenfalls wesentlich zu meiner Entwicklung beigetragen hat.
- Wie lange haben Sie in Ungarn gearbeitet?
- Bis 2002. Zunächst an der Klinik für Kinderheilkunde in Pécs, danach am Institut für Genetik, das sich um 1998 von der Klinik für Kinderheilkunde abspaltete und fortan als eigenständige Einrichtung weitergeführt wurde.
- Warum haben Sie sich entschieden, Ihre Karriere im Ausland fortzusetzen?
- Ich hatte das Gefühl, dass ich noch mehr lernen wollte, und mit Stoffwechselgenetik beschäftigte sich damals zu Hause noch kaum jemand. Das Neugeborenenscreening war hervorragend, aber für die Diagnostik einer ganzen Reihe anderer Stoffwechselerkrankungen gab es keine Möglichkeiten. Es fehlten auch die Voraussetzungen, um in akuten Fällen eine schnelle Diagnose zu stellen, da wir nicht wussten, wohin wir die Blutproben der Patienten schicken sollten. Das wäre jedoch wichtig gewesen, um den Schweregrad und die Art ihrer Erkrankung festzustellen und so eine angemessene Behandlung sicherzustellen. Ich war überglücklich, als ich eine Einladung nach Holland erhielt, um als Kinderarzt in einem weltberühmten Mitochondrien Zentrum zu arbeiten. In den zehn Jahren, die ich in Nijmegen an der Radboud-Universität verbrachte, habe ich unglaublich viel gelernt. Von dort kehrte ich dann in die Vereinigten Staaten zurück, nach New Orleans an die Tulane-Universität, wo ich – noch als Mitarbeiterin der Universität Pécs – meine Ausbildung im Bereich der Genetik absolviert hatte. Die dortigen Fachleute wurden schon damals wegen ihres Fachwissens über genetische und Stoffwechselerkrankungen hochgeschätzt. Danach wurde ich nach New Orleans berufen, da durch die vom Hurrikan Katrina verursachte große Naturkatastrophe alles in der Stadt zerstört worden war und auch die Versorgung mit Genetik- und Stoffwechselmedikamenten wieder aufgebaut werden musste. Das war eine sehr spannende und erfreuliche Herausforderung, denn ich war einer von nur drei Stoffwechselgenetikern im ganzen Bundesstaat, die in die kleinen Städte fuhren und versuchten, den Patienten dort zu helfen.
- Wo arbeiten Sie derzeit?
- Derzeit arbeite ich an der Icahn School of Medicine am Mount Sinai, Abteilung für Genetik und Genomwissenschaften, in New York, wo ich mich weiterhin mit seltenen Erkrankungen befasse. Neben der Leitung der Stoffwechselgruppe und der Patientenversorgung – die ich sowohl ambulant als auch im Krankenhaus durchführe – unterrichte ich und bin zudem für die Facharztausbildung verantwortlich. Darüber hinaus betreuen mein Mann, Dr. Tamás Kozicz, und ich gemeinsam ein Laborforschungsteam.

– Kennen Sie sich und Ihren Mann schon seit Ihrer Studienzeit?
– Ja, wir waren im selben Jahrgang und in derselben Gruppe. Er wusste immer schon alles besser als ich, und das ist auch heute noch so. Anfangs haben wir uns oft gestritten, dann wurden wir Freunde und haben 1990 geheiratet.
– Inwiefern unterscheiden sich die amerikanischen medizinischen Fakultäten von den ungarischen? War es schwierig, sich an das System dort zu gewöhnen?
- In meinem Fachgebiet unterscheidet sich das System nicht wesentlich von dem zu Hause, allerdings habe ich hier besseren Zugang zu bestimmten Ressourcen, die in Ungarn noch nicht verfügbar sind. Diese sind sehr wichtig, damit ein Arzt und Forscher, der sich mit einer seltenen Krankheit befasst, zu Ergebnissen gelangt. Ich arbeite an einer weltberühmten Einrichtung, wo ich ein Genetik Programm aufgebaut habe, in dessen Rahmen ich 12 junge Menschen in medizinischer Genetik ausbilde. Es ist sehr deutlich zu sehen, was wir in Wissenschaft und Medizin erreichen; unsere Ergebnisse kommen vielen Menschen zugute, und das trägt wesentlich zur Versorgung von Patienten mit seltenen Erkrankungen bei.

- Der Wechsel hat sich also als gute Entscheidung erwiesen.
- Ich reise sehr gerne und lerne gerne Neues; sowohl in den Niederlanden als auch in Amerika habe ich viele Erfahrungen gesammelt. Eine andere Kultur kann man nur kennenlernen, wenn man dort lebt, aber ich habe den Kontakt zu meiner Heimat dennoch nicht verloren. Ich fahre jeden Monat nach Hause zu meiner Mutter und treffe mich auch regelmäßig mit meinen Freunden aus dem Studium. Seit ich Professorin geworden bin, fahre ich mindestens einmal im Jahr nach Pécs; dieses Jahr halte ich dort einen Vortrag auf dem Kongress für kardiologische Rehabilitation.
- Seit 2019 besteht eine Zusammenarbeit mit der medizinischen Fakultät in Pécs, in deren Rahmen Sie Professorin und Ihr Ehemann, Dr. Tamás Kozicz, Gastprofessor am Institut für Anatomie geworden sind. Im Sommer 2023 konnten Evelin Szabó und Inez Bosnyák, damals Studentinnen im sechsten Studienjahr an der Medizinischen Fakultät in Pécs, ein Forschungspraktikum bei Ihnen an Ihrem damaligen Arbeitsplatz, der Mayo-Klinik, absolvieren. Denken Sie auch über weitere Kooperationen nach?
- Wir freuen uns sehr über diese Zusammenarbeit, halten sie für wichtig und möchten sie auch von New York aus fortsetzen. Ich bin zuversichtlich, dass wir im kommenden Sommer wieder Student*innen bei uns begrüßen können. Die Gaststudent*innen waren talentiert, klug und sympathisch – es war eine Freude, sie bei uns zu haben. Mit Professorin Dóra Reglődi verbindet uns übrigens schon seit Langem eine Zusammenarbeit und Freundschaft.
- Gibt es auch Kooperationen mit ungarischen Ärzten, die in Amerika leben und arbeiten?
- Ja, an der Mayo-Klinik haben viele ungarische Ärzte gearbeitet, mit denen wir uns regelmäßig getroffen haben und mit denen wir auch wissenschaftlich zusammengearbeitet haben. In New York hat sich das noch nicht etabliert, da wir erst seit zwei Jahren hier sind, aber das wird sich noch entwickeln.
- Halten Sie auch Kontakt zu ungarischen Ärzten, die in anderen Teilen der Welt tätig sind?
- Ja, vor allem zu ehemaligen Kommilitonen, die in Rochester, Cleveland bzw. New Orleans leben.
- Denken Sie eventuell daran, nach Ungarn zurückzukehren?
- Der Gedanke ist schon öfter bei uns aufgekommen, aber da unsere Kinder in New Orleans leben und wir auch zwei Enkelkinder haben, ist das nicht möglich. Wir möchten nicht weit weg von ihnen auf einen anderen Kontinent ziehen. Nach Hause fahren wir natürlich immer sehr gerne, sei es aus beruflichen oder privaten Gründen.
Fotos:
Dr. Éva Morava